Jedes genuine Kunstwerk verkörpert einen Text. Was den modernen vom postmodernen Kunstgegenstand unterscheidet, ist die Leserichtung. Wird aus dem Werk etwas heraus- oder hineingelesen, setzt das Werk einen hermeneutischen Rahmen, der es vor beliebiger oder rein betrachterzentrierter Lese schützt, oder braucht es den Interpreten und damit die jeweils beliebige Subjektivität, um als Kunst-Werk (an)erkannt zu werden? Den ersten, den klassischen Typus erkennt man an der Überprüfbarkeit, denn auch wenn es unzählige Auslegungsmöglichkeiten geben mag, jede einzelne muss doch im Werktext enthalten sein. Umgekehrt ist im zweiten Falle nicht der Künstler, sondern der Betrachter der eigentliche Schöpfer.

Die Kunst entdeckt die Substanz wieder. Beliebigkeit mündete in Haltlosigkeit, dem Grundgefühl des jetztzeitigen westlichen Menschen im 21. Jahrhundert. Wer den künstlerischen Weg Erik Seidels verfolgt hat, der sieht ihn auf diesem Grat wandeln. Noch vor 10 Jahren versuchte er mit seinen Farbkompositionen den Weg ins Freie, Unverbindliche, doch die Freude an der absoluten Relativität währte nicht lang. Seinem Blick konnte die Übermacht des „Gestells“ nicht entgehen. Die Spuren, die es im durchtechnisierten Leben hinterließ – in Form von Verbindung, Verstrebung, Gestänge, Gebäude, Geviert, Gestell – wurden ästhetisierend und farbenfreudig aufs Papier gedruckt.

Es sind die großen Gesänge der europäischen Kultur, die Wurzel- und Heimattexte – Dantes „Divina Commedia“ und Goethes „Faust“ –, die Seidels Kehre inspirierten. Ohne seine Entwicklung zu verraten, stehen nun vollkommen neu dimensionierte Werke vor uns. Beide, Dante und Faust, haben die Lethe, den unterirdischen Fluß des Vergessens, den Grenzfluß zum Totenreich zu überqueren; der eine, um ins Heiligste, das Paradies, zu gelangen, der andere, um zu den Müttern hinab zu steigen – beide aber überqueren die Lethe, um der Aletheia zu begegnen, der tiefsten Wahrheit, genauer der „Unverborgenheit“. Aletheia ist das Überwinden der Lethe, Wahrheit ist nicht das mit einer Realität übereinstimmende Urteil, sondern das Entbergen des Seins. Das letzte  Geheimnis des Seins freilich ist das Nichts oder der Tod. Dort tritt das Leben aus dem Dickicht der Verwicklungen hervor in die „Lichtung“, dort ist der Mensch eigentlich, denn „eigentlich“ kann Sein nur bei Bewusstsein seiner Endlichkeit sein. Und genau auf dieser Lichtung, wo sich Sprache und Sein begegnen, siedeln sich Seidels letzte Arbeiten an: am anderen Ufer der Lethe. Lässt sich Entbergung in einer von der Rede verstellten Welt überhaupt nur noch durch Kunstwerke bewerkstelligen?

Sie kommen mit unvergleichlicher Wucht daher und sind doch filigran, ja detailverliebt. Sie thematisieren das Vergängliche in unvergänglichen Materialien: anfangs Bronze, dann Eisen. Patina wird durch Rost ersetzt. Ablagerung weicht zunehmend dem Zeitfraß, Geschichte der Posthistoire – präziser: Metahistoire – das historische Bild muss dem alles verschlingenden panta rhei weichen. Statt Gestreb und Gestäng – den technischen Insignien – nun Gedicht und Geripp. Der Hüter des Seins, der Lenker – der Mensch in seiner vollkommenen, idealtypischen, noch nie erreichten Entfaltung – wird im Totentanz auf den Ölfässern als gescheitertes, nein, scheiterndes Wesen dargestellt.


Jörg Seidel, Literaturwissenschaftler, Philosoph, Übersetzer, 2015

Erik Seidel