Texte & Videos zu Erik Seidel

Katalogbeitrag zur Ausstellung „Im Fluss. Erik Seidel. Eisenskulptur“
Eisenkustguss Museum Büdelsdorf, 30.05. – 03.10.2021

von Thekla-Christine Kock

„Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an“ 1)
Erik Seidels Eisenskulpturen

1) Faust beim Anblick von Gretchens Kerker in: Goethe 2011, Vers 4406.

Der Bildhauer und Grafiker Erik Seidel greift in seinem Werk existentielle Themen des Menschseins auf und hält diese seit 2010 in Skulpturen aus Eisen fest. Insbesondere die Zerstörung unserer Umwelt, und damit zugleich der Grundlage allen Lebens, macht ihm Sorgen.

Seidel wurde 1966 in Rodewisch geboren. Nach einem Studium der Kunsterziehung an der Universität Magdeburg studierte er an der Hochschule für Bildende Kunst Dresden bei Prof. D. Nitzsche. Er schloss seine Ausbildung mit einer Lehre zum Steinmetz- und Steinbildhauer in Plauen ab. Seidel beschäftigte sich zunächst viel mit Druckgrafik. In den Jahren 1994 und 1995 entstanden dann auch erste Plastiken in Bronze. Nach einigen Jahren Pause kam Seidel 2006/2007 auf das Thema plastisches Arbeiten zurück, zuerst wiederum in Bronze.

Bei einem Besuch in der Gießerei Grundhöfer in Niedernberg, wo er seine Bronzen gießen ließ, sah er Werke von anderen Künstlern aus Eisen. Er war sofort davon fasziniert. Hinzu kam, dass der Bildhauer durch die Lektüre von Dantes Göttlicher Komödie und Goethes Faust zu einer Auseinandersetzung mit schwerwiegenden Fragestellungen wie Vergänglichkeit und Tod in seinen Arbeiten angeregt wurde. Für diese Themen erschien ihm der Werkstoff Bronze als zu glatt, zu schön. Auch dass die Oberfläche von Bronze, wenn man länger daran reibt, goldenwird, passte nicht zu seinen neuen Inhalten. Dagegen greift der Werkstoff Eisen mit seiner rostigen, teilweise rauen Oberfläche das vergängliche, morbide seiner Sujets auch äußerlich wunderbar auf.
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Katalogtext zur Ausstellung „Könnt‘ ich blaue Himmel malen“
Orangerie der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau, 10.03. – 22.04.2018

von Gerd Sonntag

Von einem Tätigen zum anderen kann ein Katalogtext nur ein Grußwort sein oder die Übermittlung eines Wunsches.

Im Umfeld einer modernen Massenbewegung, die allumfassend KUNST genannt wird, und deren Betreiben die Impression vermittelt, dass sich dieses Tätigsein für das Produkt der besten aller Welten hält, was macht da ein Jemand, der das zu glauben nicht bereit oder – noch schlimmer – das zu glauben gar nicht fähig ist? Weil dieser Jemand in sich einen Wunsch spürt, einen Traum, den er nicht an fremde Mächte ausgeliefert sehen will?

Bei wie vielen Gelegenheiten lese oder höre ich vom Nichts, ohne dadurch jemals erfahren zu haben, wie ein Nichts für mich wahrnehmbar wäre, außer, dass etwas gerade nicht da ist, und ebenso bekomme ich zu lesen von KUNST und davon, was sie ausmachen könnte, oder was da mit ihr wäre, oder was da alles zu ihr zählen würde oder dürfte oder müsste, und so weiter und so weiter, aber ich erfahre nicht, was denn nun die KUNST tatsächlich sei. Niemand erfährt es, es sei denn man glaubt es.
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Katalogtext zur Ausstellung „Könnt‘ ich blaue Himmel malen“
Orangerie der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau, 10.03. – 22.04.2018

von Dr. Linn Kroneck

Seidels „schwarze“ Grafik

Ein wacher Charakter stößt allenthalben auf Zwielichtiges, Dissonantes und Absurdes in unserer Welt. Er ist disponiert für groteske Situationen, die von anderen, die die Welt für in Ordnung halten, zumeist kaum als sonderlich wahrgenommen werden. Er aber weiß nicht, soll er über diese „schwarzen“ Weltzustände, aus denen er seine dystopischen Bildideen schöpft, lachen oder weinen.

In Lithografie und Holzschnitt hat Erik Seidel ideale Techniken gefunden, seine Anliegen zu manifestieren. Da erprobt er verschiedene Perspektiven und Darstellungswinkel, um disparate Situationen aufzudecken. Oft sind die Grafiken dann eigenständige Werke, die jedoch schon auf spätere Skulpturen hinweisen. Das Monumentale ist ihm Stilmittel. Wochenlang schneidet, furcht und kratzt er dann an den Formen herum. Übergroße Druckplatten erfordern beträchtliche Kraftakte und aufwendige Druckprozesse.
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Katalogtext zur Ausstellung „Könnt‘ ich blaue Himmel malen“
Orangerie der Anhaltischen Gemäldegalerie Dessau, 10.03. – 22.04.2018

von Jörg Seidel

Jedes genuine Kunstwerk verkörpert einen Text. Was den modernen vom postmodernen Kunstgegenstand unterscheidet, ist die Leserichtung. Wird aus dem Werk etwas heraus- oder hineingelesen, setzt das Werk einen hermeneutischen Rahmen, der es vor beliebiger oder rein betrachterzentrierter Lese schützt, oder braucht es den Interpreten und damit die jeweils beliebige Subjektivität, um als Kunst-Werk (an)erkannt zu werden? Den ersten, den klassischen Typus erkennt man an der Überprüfbarkeit, denn auch wenn es unzählige Auslegungsmöglichkeiten geben mag, jede einzelne muss doch im Werktext enthalten sein. Umgekehrt ist im zweiten Falle nicht der Künstler, sondern der Betrachter der eigentliche Schöpfer.

Die Kunst entdeckt die Substanz wieder. Beliebigkeit mündete in Haltlosigkeit, dem Grundgefühl des jetztzeitigen westlichen Menschen im 21. Jahrhundert. Wer den künstlerischen Weg Erik Seidels verfolgt hat, der sieht ihn auf diesem Grat wandeln. Noch vor 10 Jahren versuchte er mit seinen Farbkompositionen den Weg ins Freie, Unverbindliche, doch die Freude an der absoluten Relativität währte nicht lang. Seinem Blick konnte die Übermacht des „Gestells“ nicht entgehen. Die Spuren, die es im durchtechnisierten Leben hinterließ – in Form von Verbindung, Verstrebung, Gestänge, Gebäude, Geviert, Gestell – wurden ästhetisierend und farbenfreudig aufs Papier gedruckt.
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